Nach ausführlichem Studium meines Arbeitsplanes für diese und nächste Woche und der Tatsache, daß man derzeit geradezu verfolgt wird, von einseitigen, unpersönlichen, lahmen und uninspirierten Rückblicken auf das kommende Jubiläum des Mauerfalls, hat sich NewWorld’sEve Major Domus theOhrt entschlossen, Euch bereits heute einen kleinen, vielleicht längeren, aber gewissenhaft unrecherchierten Rückblick auf 20 Jahre deutsch-deutsche Geschichte zu liefern – mit Hauptaugenmerk auf die – bis dato letztwichtigste Station des politischen 9. Novembers, der schon immer (naja, zumindest seit der Entseperatisierung der deutschen Nationen), der wichtigste historische Tag für dieses Land war:
Neuneinviertel Jahre (knapp) war ich alt, als die Mauer fiel und wie man sich denken kann, war daher die politische Dimension für das kleine Ohrtilein beim besten Willen nicht greifbar. Es war einfach etwas, daß passierte, etwas ungewöhnliches, aufregendes und seltsames, da wahrscheinlich erst jetzt diese Frage gestellt wurde, die sich heutzutage mehr rechte und linke Geschichtsverdreher stellen, als intelligente Lebensformen: was ist denn eine DDR?
Natürlich bin ich mir, ob der nunmehr fast 20 Jahre die ins Land gegangen sind nicht sicher, aber ich glaube tatsächlich, daß der Mauerfall (oder vielleicht die Nachrichtenflut aus Berlin im Vorfeld) das erste Ereignis war, daß diese DDR überhaupt erst existent machte; vorher gabs vielleicht ein paar Sätze dazu, Top Secret! und „Die Da Drüben“, aber nicht wirklich die DDR, besonders nicht in einem unpolitischen Arbeiterhaushalt, der damals zwischenzeitlich Station in einem kleinen Dorf in der Nähe der A1 machte. Aber diese A1, beziehungsweise die Brücke über diese Fernstraße, war es die mir das Erlebnis „Fall der Mauer“ verständlich machte. Wir gingen damals jeden Tag nach der Schule und speziell am Wochenende auf die Brücke und zählten Trabbis. Wochen- nein, monatelang verstopften sie die Straße gen (wessi-)Ostsee, wir starrten sie oft stundenlang an und wunderten uns; denn verstehen konnten wir das alles damals natürlich noch nicht und für mich als aufmerksamen AutoBild-Leser, der ich damals war (mein Muddern arbeitete bei Buch+Presse und brachte jede Woche eine mit) war hauptsächlich faszinierend, soviele Autos zu sehen, die es damals bis dahin eigentlich gar nicht gab – und die, wie gesagt, auf einmal die Straße unter der Brücke verstopften, die man immer überqueren musste, um in unser Dorf zu gelangen.
Man mag es heute – zu Zeiten von „blöde Ossis“, „Besserwessis“ und Hansa Rostock – gar nicht mehr glauben, aber damals waren irgendwie alle glücklich über die Öffnung der Grenze; glücklich, aufgeregt und – ja, wirklich – offen. Man versuchte in der Folgezeit lang verschollene Verwandte wiederzufinden, suchte den Kontakt zu den jetzt überall auftauchenden „nicht-mehr-wirklich-Flüchtlingen“ und interessierte sich für das „andere Deutschland“, daß es bis dato nur als graue Fläche im Atlas gegeben hatte. Natürlich gab es auch kleinere Eifersüchteleien wegen der hundert Mark, die es für die Grenzüberschreitung von Osten aus gab, aber das war nicht wirklich dramatisch oder so. Es regierte einfach die Neugier und das sollte sich zumindest die restlichen meiner Grundschuljahre auch nicht mehr ändern; die neue Mitschülerin wurde als erstes gefragt, ob sie „von drüben“ komme, bei der Antwort „ne, aus Niedersachsen“ wurde kurz drüber nachgedacht, ob das das „alte Deutschland“ war (in Heimat-und Sachkunde war ich nie besonders gut); dann war man kurz enttäuscht (die ganze Klasse, so nach dem Motto: „och, wir wollen auch einen Ossi haben“), aber klein Ohrti verliebte sich trotzdem in die Neue, was sie zur ersten großen Liebe machte, an die ich mich erinnere – obwohl sie gar keine Ossi war…
Die erste Ernüchterung kam dann 1990, als die neuen Mitbürger, den von allen vernunftbegabten Lebewesen im jetzt entstandenen Westteil des Landes abgrundtief gehassten, Vollpfosten Helmut Kohl erneut zur Kanzlerschaft wählten, was wir, ehrlich, den Ossis ganz schön über nahmen, denn bereits damals hatte eigentlich jeder die Schnauze voll vom „Dicken“, aber nagut, man nahm es ihnen nicht wirklich krumm, schließlich wussten sie es ja damals nicht besser…
Endgültig enttäuschten die neuen Mitbürger dann 1992 mit den Angriffen von Rostock-Lichtenhagen, die – glaub ich jedenfalls – erstmals die eigentlich neutrale, Bezeichnung „Ossi“ als Beleidigung hoffähig machte – in der Zeit danach versteht sich. Denn, soviel Ehrlichkeit muss sein, die meisten Menschen (im Westen) saßen wohl damals, wie auch meine Eltern und die Eltern meiner Freunde, vor dem Fernseher und sagten vor ihren Kindern Dinge wie „kann man ja schon verstehen“, „die tun wenigstens was“ oder „die Asylanten sind ja selber Schuld“. Als zwöfjähriger Steppke glaubte man sowas natürlich ne Weile, bevor die Schule ausnahmsweise mal was sinniges tat und uns über diese schrecklichen Angriffe aufklärte. Nur fürs Protokoll: spätestens seit 1993 bin ich Antifaschist, mit 14 war ich auf meiner ersten Anti-Nazi-Demo – die Zeit nach der sogenannten Wende hat diejenigen, die in den 90ern großwurden entweder politisiert oder zu ihrer unpolitischen Meinung gebracht: wer sich mal richtig ekeln möchte, kann ja mal nachgoogeln, ob er die Aussagen von (CDU-)Politikern aus dieser Zeit (1992-1994) zu den Übergriffen gegen Asylbewerber findet; ich hab sie jetzt nicht extra gesucht, mir schauderts heute eh noch genug, wenn ich an diese Zeit denke.
Man kann jedenfalls behaupten, daß die Ereignisse ‘92-’94 schon ein wenig zu dem Unverständnis gegenüber den Ossis in unseren Breitengraden beigetragen haben. Das es (immer noch so genannt) „drüben“ national-befreite Zonen gibt, die NPD eine politische Rolle zu spieln scheint, und die Ostler scheinbar den Nazischeiss nicht schlimm zu finden scheinen, hat einige neue Vorurteile geschaffen, die eigentlich nicht sein müssten. Aber naja: Rationalität ist halt auch sone Sache, nicht wahr?
Zum Thema zurück: sicher war der Fall der Mauer eines der prägendsten Erlebnisse meiner Kindheit und trotz der Tatsache, daß die BRD mit dem Zukauf der DDR kein Stück demokratischer, anständiger oder erträglicher geworden ist, war es wichtig, richtig und irgendwie auch schön, daß es so gekommen ist. Es wäre sicher ein blöderes Leben, wären die Freunde, die in der DDR aufwuchsen, nicht hier, sondern noch drüben. Zum Glück ging die DDR unter.